Vision vom verletzungsfreien Fahren

Alle 74 Sekunden wird ein Mensch bei einem Verkehrsunfall verletzt, alle 106 Minuten stirbt jemand auf der Straße. Und das allein in Deutschland. Insgesamt kamen hier im vergangenen Jahr 4.958 Menschen ums Leben, und so schrecklich diese Zahl auch ist, so ist sie doch ein Beleg für einen spürbaren Fortschritt bei der Verkehrssicherheit. Denn die Zahlen sind schon seit Jahren rückläufig, der traurige Höhepunkt des Jahres 1970 mit mehr als 21.000 Opfern – bei wesentlich geringerem Verkehrsaufkommen – liegt weit zurück.

Bosch hat mit Entwicklungen wie dem ESP oder der Airbagsteuerung das Autofahren deutlich sicherer gemacht. Das wird durch die Analysen der Unfallforscher nicht nur belegt, sondern auch vorangetrieben: Denn sie untersuchen die Wirksamkeit von Sicherheitsfunktionen, stellen sicher, dass die Entwicklung neuer Systeme am realen Unfallgeschehen ausgerichtet ist. „Uns interessiert, wie man einen Crash vermeiden kann. Und wenn das nicht geht, wollen wir wissen, wie man ihn besser überleben kann“, sagt Unfallexperte Andreas Georgi: „Mit der Crashsimulation suchen wir zum Beispiel nach den optimalen Zeitpunkten der Auslösung des Airbags oder des Gurtstraffers. Außerdem wollen wir wissen, wie man aus den Signalen der Sensoren die Art und Intensität eines Unfalls so früh wie möglich erkennen und entsprechend reagieren kann“.

Fahrfehler verursachen gut neunzig Prozent aller Unfälle
Und so vernetzt die Systeme im Auto sind, so vernetzt arbeiten Georgi und seine Kollegen mit den jeweiligen Spezialisten bei Bosch zusammen: „Wir haben Anfragen aus allen Bereichen der Kraftfahrzeugtechnik“, sagt Gruppenleiter Reiner Marchthaler.

Schließlich ist in der Datenbank genau festgehalten, bei welchem Unfallauto welches Fahrerassistenzsystem eingebaut war – und auch ob der Fahrer überhaupt davon wusste. „Viele Fahrer wissen gar nicht, was sie an Bord haben“, so Georgi. Und dabei sind die Assistenzfunktionen fundamental wichtig: „Gut 90 bis 95 Prozent aller Unfälle entstehen durch Fahrfehler“, erklärt Georgi, „würden also mehr Autos mit automatischen Abstandsreglern oder Spurassistenten, vor allem aber mit ESP ausgerüstet, könnten viele Leben gerettet werden“.

„Ein Gefühl für die Wahrheit hinter den Daten“
In der Tat. Zwar sind die Opferzahlen in den Industrieländern seit Jahren rückläufig. Weltweit freilich kommen jährlich rund 1,4 Millionen Menschen im Straßenverkehr ums Leben; allein in den USA waren es 2005 mehr als 43.000 Menschen, in Brasilien rund 26.400 und in Indien nahezu 100.000. Für Andreas Georgi sind das nicht nur Zahlen: „Dass sich hinter der Statistik Einzelschicksale verbergen, vergessen wir hier nicht. Und gerade die Tragik, die uns direkt am Unfallort begegnet, ist ein großer Ansporn für unsere Arbeit.“ Deshalb wird auch jeder neue Mitarbeiter mindestens einmal zur Datensammlung am Unfallort geschickt – „damit man ein Gefühl für die Wahrheit hinter den Daten bekommt“, so Marchthaler.

Dabei helfen auch die Unfallfotos, die sich manche der Forscher an ihre Bürowand gepinnt haben. Sie machen unmissverständlich klar, worum es hier geht: um einen wesentlichen Beitrag, das Autofahren noch sicherer zu machen. „Wir wollen Systeme für ein verletzungs- und unfallfreies Fahren entwickeln“, sagt Marchthaler, „das ist unsere Vision“. Und fügt hinzu: „Ein hehres Ziel, ein langer Weg“. Auf dem man bei Bosch allerdings schon ein gutes Stückchen vorangekommen ist…