Code 58: Pferd trifft Fahrzeug
Kennt jeder: eine Bremsspur auf der Autobahn. Mal gerade, mal Richtung Leitplanke. Ist also nichts Ungewöhnliches. Dass man aber in den Spuren lesen kann wie in einem Polizeibericht schon: „Meistens weiß ich, was passiert ist“, sagt Andreas Georgi, Unfallforscher bei Bosch in Schwieberdingen.
Damit entgeht den Unfallforschen auch nicht die kleinste Kleinigkeit. Das Wetter zur Unfallzeit? Straßenzustand, Windgeschwindigkeit? Selbstverständlich. Reifendruck, Kilometerstand, Fahrzeugfarbe? Natürlich. Einstellwinkel der Sonnenblende, Splitterverhalten der Frontscheibe? Wie lang sind Arme und Beine des Fahrers? Wie hoch seine Absätze? Wird alles festgehalten. Denn: „Nur so kann der Bedarf für die Entwicklung neuer Sicherheitssysteme zuverlässig gemessen werden“, sagt Gruppenleiter Reiner Marchthaler.
Also werden bei jedem Crash mehr als 3.500 Einzeldaten gesammelt und in Zahlencodes übertragen. Auf diese Weise kann Andreas Georgi die Fälle analysieren und vergleichen. An wen geht der Alarm? Feuerwehr, Polizei? Wie lange braucht der Notarzt? Hat der Fahrer Sekunden vor dem Unfall geraucht? Gegessen? Gelesen? „Die Teams vor Ort sprechen immer auch mit den Unfallbeteiligten, soweit möglich“, erklärt Georgi. Oft genug ist ein späterer Besuch im Krankenhaus fällig.
Vom Pupillenzustand bis zum Polytrauma
Die Röntgenbilder kommen in die Akte, die Verletzungen werden in mehrere Hundert Parameter aufgeschlüsselt, vom Pupillenzustand bis zum Polytrauma, von der Organquetschung bis zum Ohrensausen. Besonders aufwendig dabei: „Wir wollen für jede Verletzung auch immer die genaue Ursache ermitteln“, so Georgi: „denn das ist für die Weiterentwicklung gerade der passiven Fahrzeugsicherheit von zentraler Bedeutung.“
Stundenlanges Tüfteln für ein Quentchen mehr Sicherheit
Für die aktive Sicherheit, also für die Vermeidung eines Unfalls von vornherein, ist es besonders wichtig, Ursache und Ablauf der Crashs rekonstruieren zu können. Deshalb wird das Geschehen auch hier in Simulationen nachgestellt und in Kategorien und Variablen aufgeteilt: Womit, beispielsweise, ist das Fahrzeug kollidiert? Baum, Zaun, Vogel, Esel, Katze – alles erhält eine Nummer. Wirklich alles: Rennt etwa ein Pferd ins Auto, ist das für die Unfallforscher schlicht die 58.
Eines aber findet sich nicht im Handbuch: die Erfahrung, die man braucht, um die riesige Datenmenge auch auswerten zu können. „Fehlinterpretationen können wir uns nicht leisten“, sagt Marchthaler. Also verbringen die Forscher manchmal Stunden mit der Rekonstruktion eines ungewöhnlichen Unfalls, suchen nach dem entscheidenden Detail, nach einem weiteren Mosaiksteinchen für das komplizierte Puzzle Fahrzeugsicherheit…