Fallstudien und Fahrzeugwracks
Er hat Hunderte von Unfällen gesehen, Tote, Verletzte, zertrümmerte Autos. Ist alarmiert worden, hat sich ins Auto gesetzt, das Blaulicht angemacht, erste Hilfe geleistet. Hat mit verstörten Menschen gesprochen, Fahrzeugwracks vermessen, Bremsspuren fotografiert. Vor Ort und ganz nah dran. Dabei ist Andreas Georgi weder Arzt noch Polizist, weder Sanitäter noch Reporter. Sondern Unfallforscher.
Vollausstattung mit ESP: 4.000 Tote weniger
Mittlerweile aber sitzt Georgi nicht mehr im Einsatzwagen, sondern auf dem Bürostuhl am CR-Standort Schwieberdingen – wo er und sein Team seit drei Jahren die GIDAS-Datenbank akribisch analysiert. Die Ergebnisse kommen Bosch bei der Entwicklung von Fahrzeugsicherheitssystemen massiv zugute. „Mit dieser Datenbank können wir genau ausrechnen, wie viele Unfälle durch ein bestimmtes System vermieden oder gemildert worden wären“, erklärt Georgi.
Bestes Beispiel: das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP). Wären alle Autos mit ESP ausgestattet, so haben die Unfallexperten nachgewiesen, könnten rund 80 Prozent aller Unfälle mit schleudernden Fahrzeugen vermieden werden. „Für Europa“, rechnet Andreas Georgi vor, „hieße das ungefähr 4.000 Tote und 95.000 Verletzte weniger." Und zwar jährlich.
Vor allem aber, sagt Reiner Marchthaler, der Leiter der zuständigen Forschungsgruppe CR/AEV1, zeige die Datenbank, wo die Sicherheit noch deutlich verbessert werden könne „Wir suchen gezielt nach weißen Flecken auf der Sicherheitslandkarte.“ Ein solcher Fleck ist etwa die unzureichende Ausstattung von Motorrädern mit dem Antiblockiersystem ABS. „Hätten alle Maschinen auf dem Markt ein ABS, könnte ein Viertel aller Unfälle vermieden werden“, so Marchthaler. Das würde allein in Deutschland jedes Jahr 200 gerettete Menschenleben bedeuten.
Autos explodieren nur im Kino
Die Analysen räumen auch mit ein paar populären Mythen auf: etwa mit der Annahme, dass im Winter mehr Opfer im Straßenverkehr zu beklagen seien als im Sommer: „Das Gegenteil ist der Fall – die Leute fahren langsamer, und es sind weniger Zweiradfahrer unterwegs“, so Georgi. Oder die explodierenden Autos im Kino: „Brennende Autos gibt es überhaupt nur bei einem von 1000 Unfällen“, sagt der Experte: „Und selbst dann fliegt das Auto nicht in die Luft – es setzt sich langsam in Brand, so dass noch Zeit bleibt den eingeklemmten oder verletzten Personen zu helfen…“
Für die präzisen Berechnungen freilich ist ein enormer Datenbestand Voraussetzung. Mehrere Millionen Zahlen und Fakten sowie Tausende von Fallstudien stehen den Bosch-Unfallforschern für ihre Arbeit zur Verfügung – und zwar mit einer Detailgenauigkeit, die verblüffend ist…
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Simulation des Unfallhergangs